19. Juni 2010

Im Reich der Zeichen / frei flottierend

Himmel, was ist das alles kompliziert geworden. Und was kackt mich diese Berichterstattung an. Da gab es also einen Vorfall vor einer Woche; nachts. Eine Begegnung zwischen zwei schwulen und drei womöglich nichtschwulen Männern auf einer Straße in Treptow. Das scheint aber auch schon das einzige verlässlich Sagbare zu sein. Ich habe drei Zeitungsberichte gelesen, Welt, Tagesspiegel, taz, und drei Variationen serviert bekommen. Ein Messer im Rücken, ein Verletzter, zwei Verletzte, ein kleines Messer, ein Angreifer, eine Verfolgung, ein blutiges Gesicht, eine Notoperation, nicht lebensgefährlich, doch lebensgefährlich. Was denn nun? Wir reden hier von drei Hauptstadtzeitungen mit kostspieligen Redaktionen und nicht vom Nürnberger Volksblatt. Und wir reden von Treptow, da könnte ich mit ein bisschen Zeit von der Kurfürstenstraße aus zu Fuß hingehen, und nicht von einem Krisengebiet auf der anderen Seite der Erdkugel. Da müsste es doch möglich sein, eine halbwegs stimmige Information zu vermitteln. Unterdessen werden Sofortkundgebungen organisiert, vorm Rathaus, Aktionisten rufen zu Aktionen auf, Betroffene schreiben betroffene Kommentare in die entsprechenden Spalten. Was soll es denn bewirken? Und welchen Wahrheitsgehalt sollen denn eigentlich die Berichte haben, die aus Afghanistan hier landen, damit können wir dann doch wohl gleich den stinkenden Fisch einwickeln.

Ich stand heute plötzlich in einem Pulk autonom Aussehender, die auf der Gneisenaustraße für oder gegen was demonstrierten, und die Straße blockierten. Kurz darauf stand ich am Rand des Tiergartens in einer Horde entschlossen Feierwütiger mit einem vereinzelten Bierstand und Musikanlage. Und ich habe um's Verrecken nicht rausbekommen, ob die nun auf den CSD warteten, von der Fußballmeile übriggeblieben waren, oder auf das Elend der Milchbauern aufmerksam machen wollten. Die ganze Beflaggung hier überall ist extrem unübersichtlich.

Irgendwann im Morgengrauen des neuen Jahrtausends haben sich die Bedeutungsebenen von den Zeichen verabschiedet. Und das haben die Zeichen wahrlich nicht gut verkraftet; sinnfrei, ohne Aufgabe und Bedeutung, rasen sie seither durch's Universum. Den freien Radikalen gleich. Ab und an klumpen sie zusammen, für einen Wimpernschlag Dauer, völlig unvorhersehbar und ohne erkennbaren Grund, es entsteht ein ultrakurzes Geschrei, höchstmögliche Aufregung, und noch bevor der Ton ein Ohr erreicht, sind alle Zeichen wieder in alle Winde zerstoben.

In diesen Minuten zieht ein stiller Trauerzug mit mehr als achthunderttausend Teilnehmern (laut Veranstalterangaben) an der Stelle vorüber, wo sie letzten Spätsommer einfach mein Plus dichtgemacht haben. Wahrscheinlich wollen sie alle darauf aufmerksam machen, dass es so nicht weitergehen kann. Dass sie alle ihr Plus wiederhaben wollen.

16. Juni 2010

Nasentrilogie / dritter Teil

"In der Kunst ist Wissen nicht alles - das Nichtgewusste bahnt sich oft seinen Weg an die Oberfläche." Die Nachbarin hat mir ein Buch ausgeliehen. Essays von Frau Hustvedt. Und ich bin darin auf einen reizenden Text über den Gebrauch von Metaphern im Werk Charles Dickens' gestoßen. Gefällt mir gut. Es geht um Dinge sehen. "Das normale Sehen wird in hohem Maß von unseren Erwartungen bestimmt. Dinge als einzelne Identitäten da draußen zu erkennen, lernen wir dadurch, wie unser Gehirn visuelles und linguistisches Material ordnet, um ganze Objektrepräsentationen zu ermöglichen. Einfacher gesagt, wir sehen keine nackte Welt, sondern ein visuelles Feld, das von Erfahrung, Erinnerung und Sprache determiniert wurde."

Genau das sage ich auch den lieben langen Tag. Und dann sagen alle immer ja, ja; drehen sich um, und tun und behaupten genau das Gegenteil. Nämlich, dass sie alles mit Löffeln gefressen hätten, und genau wüssten, wie der Hase läuft. Dann könnte ich die Worte auch auf kleine Zettel schreiben, kleine Papierschiffe daraus bauen, und sie anzünden.

"Zum Beispiel als der faszinierende Fledgeby in ein Haus eingelassen werden möchte, erfährt der Leser, dass 'er nochmals an der Nase des Hauses zog und diesmal so lange, bis sich im dunklen Torweg eine menschliche Nase zeigte'. Wenn der metaphorischen Nase eine buchstäbliche folgt, untergräbt die dadurch erzeugte komische Spannung beider Rang, sodass die wirkliche Nase fremd und körperlos wirkt, als schwebte sie allein im dunklen Raum des Torwegs. Dickens' Sprache richtet Verwüstungen unter den Objektrepräsentationen an, indem er sie niederreißt."

Ich würde auch gerne Verwüstungen unter den Objektrepräsentationen anrichten. Wirklich.

/* Charles Dickens und das kranke Bruchstück / in: Siri Hustvedt, Being a Man

dreimal täglich eine, nach dem Essen, mit reichlich Flüssigkeit, zum Beispiel einem Glas Wasser

Früher im Dorf gab's immer Hals-Nasen-Ohren-Wurst. Keine Ahnung, ob die jemand hier kennt. Mal googeln. Aha, kennt keiner. War vielleicht auch nicht der offizielle Fachbegriff. Für die Wurst. Ich war heute mal beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Das scheint der offizielle Fachbegriff zu sein. Für den Arzt. Weil seit einigen Tagen ein kleiner Hubschrauber versucht, in meinem rechten Ohr zu landen. Keine Ahnung warum und was er da will. Alles in allem guckt so ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt in fünf Löcher rein. Und zu sehen gab's wohl nix. Kein Hubschrauber. Nirgendwo. Und kein Krebs, kein Tinnitus, kein Hörsturz, kein Morbus Menière. Hat er zumindest behauptet. Wie so 'n Hörsturz wohl aussieht, wenn man in's Ohr guckt? Der dann folgende Hörtest in der schalldichten Kabine war auch hinreichend leidlich. Ich hör' ja auch was, hab ja nicht behauptet, nix zu hören. Ich hör' halt 'n paar Geräusche zuviel. So Tönehören ist schon 'ne komische Sache im Hirn, finde ich. Und bloß, weil keiner den kleinen Hubschrauber sieht, heißt es ja noch lange nicht, dass er nicht da ist. Ist bei der atomaren Strahlung ja auch nicht viel anders. Magnesium soll jetzt den kleinen Hubschrauber vertreiben, 300 mg täglich; und eine Großpackung Durchblutungstabletten. "Das zahlt aber die Kasse nicht mehr." Scheint auch ein seltsames Mittel zu sein. "Wird angewendet zur Verlängerung der Gehstrecke bei Patienten mit chronischer peripherer arterieller Verschlusskrankheit im Stadium llb nach Fontaine (intermittierendes Hinken), wenn andere Therapiemaßnahmen, wie zum Beispiel ein Gehtraining, gefäßlumeneröffnende und/oder rekonstruktive Verfahren, nicht durchzuführen bzw. angezeigt sind." Von kleinen Hubschraubern kein Wort.

Der Dalai Lama des Tages:
"When our minds are clouded by hatred, selfishness, jealousy, and anger, we lose not only control but also our judgment."

Fragmente einer Sprache / das muss Liebe sein

Hinreißend, der charmante Namenlose, neulich in dem schummrigen Hinterzimmer einer Schöneberger Spelunke. Mit der riesenhaften Nase, an der man so schön saugen konnte, mit der Zunge tief in den Nasenlöchern. Und das monumentale Gemächt. Mit dem er drei Mal in Folge konnte; eine Leistung, die mich nachhaltig verstörte. "Du musst nicht aufhören, an meinen Brustwarzen zu ziehen", sagte er. "Mehr ist mehr! Ich sag' dann schon 'Stopp'." Also zog ich und quetschte, und er sagte halt nicht Stopp; kein einziges Mal; meine Finger schmerzten, die Sehnen meiner Unterarme spürte ich noch tagelang. Und so schöne weiße Zähne. Und so fröhlich. Und ich sagte: "Du kommst doch bestimmt aus'm Rheinland, du bist doch so'n Fröhlicher, Kommunikativer." Und er sagte: "Komisch, dass jeder in Berlin einen nach Westdeutschland verortet; ich wohne in der ungefähr elftgrößten Stadt Deutschlands, rate mal, du kommst bestimmt drauf." Ich kam nicht drauf; diese Rätsel sind mir immer unangenehm.

"Der schöne Seemann, wie ein Stein, sank in die tiefe Flut hinein."
Ingrid Caven, Die großen weißen Vögel

12. Juni 2010

K-Straße / Kunst und Huren

Noch immer stehe ich staunend da und staune, wenn das internationale Kunstvolk in die Kurfürstenstraße einfällt. Gestern Abend wieder; diesmal haben wir mal mitgemacht, die Nachbarin, die Verlegerin und ich. Galerienrundgang. Heidi Specker bei Sassa Trülzsch, Vlassis Caniaris bei Giti Nourbakhsch, Eva Berendes bei Sommer & Kohl, John Smith bei Tanya Leighton und Neueröffnung Helga Maria Klosterfelde Edition in den wunderschönen Räumen. Und das alles in der Nachbarschaft.

Man erkannte die Galerien am Bier. Überall standen dieselben Flaschen in Wannen mit Eiswasser. Wenn man das mit dem nachhaltig ernst meinte, und wenn man ein Bier machen wollte, müsste man es wohl genau so machen, meinte die Verlegerin. Götz-Bier.

"Die Welt ist voll industriell gefertigter Fernsehbiere. Millionen von Hektolitern jedes Jahr für Millionen von Menschen. Das ist nicht unser Weg. Götz-Bier gibt es seit mehr als 300 Jahren. Seit 15 Generationen. Götz-Bier hat drei Grundsätze, die unsere Haltung widerspiegeln: Kein Industrie-Bier. Handwerklich Sud für Sud gebraut. Keine Pasteurisation des Bieres zur Verlängerung der Haltbarkeit. Soviel Menschen in Arbeit bringen, wie möglich. Unsere Investitionen folgen nicht der Devise, wie menschliche Arbeit durch Automation ersetzt werden kann. Wir denken andersherum: Wie kann man den Arbeitsprozess gestalten, damit er bezahlbar bleibt, aber möglichst viele Leute in Lohn und Brot bringt. Dabei verzichten wir auf jede Form der Leiharbeit."

Schmeckt 'n bisschen lasch, aber nicht schlecht. Das Kunstvolk sprach Englisch oder Spanisch und sah sehr nach Kunstvolk aus. Die Jungen kamen zu Fuß oder mit Fahrrad, die Alten wurden mit schwarzen Limousinen gebracht, sprangen heraus, huschten in die Galerie und waren nach drei Minuten wieder in den Wagen verschwunden. Wobei - sie sprangen nicht wirklich, dazu waren sie zu alt und ihr Geld wog zu schwer, sie mussten eher umständlich rauskrabbeln. Angeblich lief mitten auf der Kurfürstenstraße eine schwerberühmte queere Tatort-Kommissarin an uns vorbei. Ich erkenne die Berühmtheiten ja nie. Außer als ich beim Kampf um das Berlinale-Eröffnungs-Buffet mal über die erstaunlich kleine Hannelore Elsner stolperte. Oder die erstaunlich große Katja Riemann. Die erkenne ich. Aber sonst nicht. Und schon gar nicht im hinteren Teil der Kurfürstenstraße. Das war mir auch nicht so wichtig. Aufgeregt wurde ich erst, als aus einer der Limousinen eine über die Maßen geliftete, wahrscheinlich steinalte vermutlich Frau kletterte. Und ich rief: "Guckt mal, wie die im Gesicht beschnitten ist!" Und wohl nicht nur im Gesicht. Sommerkleidchen, mallorcabraune Haut, lange Beine, melonenförmige Brüste. Honig- nicht Wassermelonen. Sowas hatte ich bisher nur in Illustrierten und auf Travestiebühnen in Köln gesehen. Ich konnte überhaupt nicht mehr aufhören mit dem Hinstarren. Später am Abend radelte ein intellektueller Theoretiker an uns vorüber, der ein Buch über Geld geschrieben hat. Hab' ich mir sagen lassen.
Die Kunst sprach übrigens gar nicht zu mir. Oder vielleicht in einer Sprache, die ich nicht verstand.

28. Mai 2010

"The Russians are coming. The Russians are coming. They’re right around. I’ve seen Russian soldiers."


Foto © der Freund Quade, 2010

Neulich hatten wir einen Ausflug gemacht. Zum dritten Sowjetischen Ehrenmal Berlins. Das am Tiergarten ist langweilig, das in Treptow ist imposant und kennt jeder, das Sowjetische Ehrenmal Schönholzer Heide kannte ich nicht. Seit zwölf Jahren in Berlin und nie von gehört. Erstaunlich. Dabei liegen dort weitaus mehr Jungrussenleichen vergraben, als an den anderen beiden Orten zusammen. Mehr als dreizehntausend seien es. Heißt es. Ich hab' nicht nachgezählt.

Und an dem Ort und nach all den Jahren habe ich erst kapiert, dass nicht nur unsere Freunde, die US-Amerikaner, für sich das Recht beanspruchen, die Welt vom NS-Terror befreit zu haben, nein, die Russen natürlich auch. Sie sind nicht sinnlos verreckt, sie sind heldenhaft gestorben. Sie haben ihr junges Leben gelassen für die nachfolgenden Generationen, damit die in Frieden und Freiheit leben können. Also auch für mich, zum Beispiel. Irgendwie haben wir in der Schule immer gelernt, die Amis, das seien unsere Retter, die Guten. Mit Kaugummis, Schokolade und Nylonstrumpfhosen. Die Russen warteten nur auf eine gute Gelegenheit, und kämen dann, um uns platt zu machen.

21. Mai 2010

Fragmente einer Sprache.

Heute habe ich mit einer gekochten Nudel geredet, die mir runtergefallen war.
"Sollst du runterfallen, blödes Ding?!", habe ich zu ihr gesagt.

20. Mai 2010

Wolfs kleine Welt / am Kreuz

Die Dame von der Kreissparkasse da, diese Kommunikationsassistentin, die mir jetzt die Worthülsen schickt, die heißt Frau am Kreuz. Jetzt ernsthaft, ohne Scheiß. Das ist mir zuviel Emanzipation. Seit wann hängen denn Frauen am Kreuz? Davon habe ich ja noch nie gehört. Männer hängen am Kreuz. Für Frauen gibt's Scheiterhaufen. Ich bin ein großer Freund von klaren Ordnungssystemen.

Vielleicht hat sie ja geheiratet. Den Herrn am Kreuz. Man glaubt es nicht. Dass sowas sein darf. Da muss man ja aufpassen, dass einem nicht der Himmel auf den Kopf fällt. Fehlte noch, dass ihr Mädchenname Jungfrau ist. Frau am Kreuz, geborene Jungfrau. Das ist mir zuviel. Da bin ich echt froh, dass ich Klein heiße. Auch wenn jeder Zweite es wahnsinnig originell findet, mit "Groß." zu antworten, wenn ich mich am Telefon melde. Das einzige Mal, dass das wirklich lustig war, ist schon viele Jahre her, damals im Dorf meiner Aufzucht. Dort hieß der Elektrofachhändler Groß. Und der rief mal an wegen der kaputten Waschmaschine. Meine Mutter ging ans Telefon, und auf ihrer Seite verlief das Gespräch so: "Klein. - Ach, guten Tag, Herr Groß!" Und vermutlich sagte er: "Groß. Guten Tag, Frau Klein!" Darüber konnten wir uns als Kinder tagelang totlachen.

Wie soll denn das Telefonat hier und jetzt ablaufen? "Guten Tag, Frau am Kreuz. Ist denn Ihr Mann zu sprechen, der Herr am Kreuz?" Wer soll da denn die Fassung bewahren - da fällt einem bestimmt der Himmel auf'n Kopf.

Wolfs kleine Welt / "Ich prangere das an! Nachhaltig!"


Elend 2010 © Wolf Klein

Weitgehend unbemerkt von mir selbst bin ich in das Früherwarallesbesseralter gekommen. Auch doof. Früher ist man an der Pest gestorben. Oder an einem Schnupfen. Oder beim Kinderkriegen. Oder an Eiter im Dödel. Heute liegt man mit matschigem Hirn jahrelang in Verwahranstalten in der eigenen Scheiße und alle Welt schreit: "Pflegenotstand!" Also die mittelwestliche Wohlstandswelt schreit das, die in Afrika schreien anderes.

Früher, in dem Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es eine Sparkasse und eine Volksbank. So kleine Filialen. Aber das Wort Filiale gab's wahrscheinlich noch gar nicht, und es spielte auch keine Rolle. Es war die Sparkassse und die Volksbank. Und da trug man dann sein Geld hin. Oder holte seine Kontoauszüge ab. Die wurden damals alphabetisch oder numerisch sortiert in Schubladen aufbewahrt und von den Angestellten am Schalter ausgegeben. Und jeweils der Chef war auch einer aus'm Dorf. Die Alten kannten die noch als sie kleine Kinder waren. Die Alten sagten auch noch Raiffeisenkasse zur Volksbank. Und die duzten sich. Die Mutter vom Chef der Volksbank führte die Dorfkneipe; mit Nebenzimmer für die großen Familienfeiern; fünfzigste Geburtstage, Silberne Hochzeiten, Taufen, so'n Zeug. Und der Vater war im Krieg umgekommen. Später wurde der Chef der Volksbank dann ein bisschen wirr im Kopf, er hatte die Umstellung auf Computer nicht so gut verkraftet und seine Frau hatte ihn verlassen. "Er hat so eine große Enttäuschung in der Liebe erlebt", sagte man im Dorf. Und das zählte als Entschuldigung, er sitzt da immer noch, nur die Volksbank hat sich verändert. Ist jetzt auch dort eine Filiale geworden. Und die Auszubildenden können besser mit dem Computer umgehen und müssen morgens nicht mehr die Auszüge in die Schubladen einsortieren.

Und wenn ich heute an die Kreissparkasse, diese andere da im Irgendwo, die ich nicht kenne, die mich mit Dreck überschüttet, wenn ich an die einen Brief schreibe, an die Chefs in hässlichen grauen Anzügen, die Vorstand heißen, und wahrscheinlich nur auf dem Foto im Internetauftritt existieren, dann bekomme ich eine kommunikationsoptimierte Antwort mit Textbausteinen. Aus der Abteilung Projekt- und Qualitätsmangement. "Sehr geehrter Herr Klein, vielen Dank für Ihre Information. (...) Für heute wünschen wir Ihnen einen guten Tag."

18. Mai 2010

Wohnen am Park / sonnige Lage

Das Schöne an diesen neumodischen, hochmodernen, selbstreinigenden Citytoiletten ist ja, dass sie sich nicht nur selbst reinigen, sondern dass sie nach einer gewissen Zeit die Tür auch selbst öffnen. Wir haben hier ja auch eine in der Nachbarschaft stehen; Potsdamer Straße Ecke Kurfürstenstraße. Da kam ich neulich dran vorbei, als die Tür gerade aufging. Und drin hing einer über der Schüssel, die Spritze noch im Arm.

17. Mai 2010

Modernes Leben / Bonsaidünger

Am Wochenende traf ich zufällig den Drogenbeauftragten in Schöneberg. Und der erzählte mir, die neueste angesagte Partydroge sei jetzt Bonsaidünger.
"Aha", sagte ich. "Und warum heißt das Zeug Bonsaidünger?"
"Na ja", sagte er. "Weil es Bonsaidünger ist."
Und dann fragten wir uns beide, wie man sowas wohl erfindet. Sitzt da einer zu Hause und denkt sich: "Och, es ist Freitagabend, mir ist langweilig, ich schluck jetzt mal den Bonsaidünger, der hier rumsteht." Das ist doch absurd. Ich finde Bonsaidünger als Dünger schon absurd. Was unterscheidet denn Bonsaidünger von, sagen wir mal, Geraniendünger?

Wohnen am Park / die Geldsäcke kommen!

Bedrohungen von allen Seiten. Erst haben die mein Plus einfach dichtgemacht, dann überschüttet mich diese bekackte Kreissparkasse eimerweise mit Verleumdungen, ruiniert meine Kreditwürdigkeit, meine Liebenswürdigkeit, meinen guten Ruf als freundlicher Blumenhändler, und jetzt auch noch das: Gentrifizierung! War ja nur eine Frage der Zeit. Erst kommt der Park, dann kommen die Geldsäcke und bauen Luxuswohnungen. Wohnen am Park. Kennt man ja. Wahrscheinlich wieder mit Lastenaufzug, damit man auch das Edelauto mit ins Schlafzimmer nehmen kann. Weil man ja sonst keinen mehr hochkriegt. Kennt man ja. Wär mir ja egal. Doof ist allerdings, dass die mit ihrem Betonbunker jetzt meine schöne Aussicht zubauen werden. Da bin ich gegen! Und dann steigen die Mieten hier ins Absurde. Kennt man ja. Und die Elenden und die Drogenhuren und der freundliche Blumenhändler müssen sich wieder ein neues Zuhause suchen. Kennt man ja.

3. Mai 2010

Was gibt's Neues? / Selbsterfahrung / nixtwitter

"Mission. Probiere ein paar Worte. Wie man Kleider anprobiert. Komische Sprache." Bin wieder zurück von meinem dreitägigen Ausflug ins twitter. War schön gewesen, hat mir gefallen, hab' viel gelernt. Ist aber nichts für mich. Nur so ein Gefühl. Kann man aber schon machen, wenn man jung und energetisch ist. Will jetzt gar nicht sagen, twitter ist doof und so'n Zeug; nein ist es nicht, ist eigentlich ganz schön dort. Nur nichts für mich. Man macht eigenartige Sachen dort. "Wahrscheinlich schreibt man in der ersten Begeisterung noch hier rein, welche Farbe das A-a heute hat. Braun irgendwie." Habe neue Dinge kennengelernt. Das hier mochte ich sehr gern. War eine Empfehlung von Frau Berg. Überhaupt ist das, was Frau Berg im twitter macht doll. Sehr doll. Was Herr Lottmann in seiner besten Zeit im Blog war, ist Frau Berg im twitter. Massenhaft mit Inhalt füllen. Und schön, dass sie nun auch so verbunden sind. Als Schreiberpaar. Vielleicht ist Frau Berg sowas wie die zeitgemäße Mutterfigur im twitter. Wenn Frau Atwood die Granny ist... Aber auch die Angst. Angst, von einer Ente gegessen zu werden. Angst, dass einen die Maschine auffrisst.

Was wohl On Kawara im twitter gemacht hätte? "I got up at 9.49 a.m."

28. April 2010

Ensheim: Willkommen im Saarland / aus der Serie: Altern in Deutschland


Flieger nach Berlin © Wolf Klein, 2010

Über Nacht war es Hochsommer geworden in Saarbrücken. Irgendwas um 27 Grad. Die Eiscafédichte in der Innenstadt ist enorm. Das war vor dreißig Jahren noch nicht so. Aber da war die Bahnhofstraße auch noch nicht öde Fußgängerzone. Der Flughafen Saarbrücken-Ensheim hat einen "Biergarten" auf der Aussichtsterrasse. Und die "Terrasse" ist eine Wellblechhalle. Wände, Dach und Fenster. "Besuchen Sie uns auf der schönen Aussichtsterrasse! Neben einem herrlichen Ausblick, der Kurzweile garantiert, verwöhnen wir Sie mit Kaffeespezialitäten, Kuchen, Erfrischungsgetränken, Eis, leckerer Pizza, Weizenbier & frisch gezapftes Bier vom Fass. Wir freuen uns auf Sie! Gerne begrüßen wir auch Raucher, rauchen ist hier erlaubt!!!"

Besuch im Elternhaus. Vater sagt: "Es is nimmie scheen ferr mich uff derer Welt." (Es ist nicht mehr schön für mich auf dieser Welt.) Und weint.
Mutter sagt: "Komm, geb's uff. Am Disch werd nett geheilt!" (Hör auf mit diesem Unsinn. Am Tisch wird nicht geweint!)

Als ich mich verabschiede, sitzt Vater im Sessel, ergreift meine Hand mit beiden Händen und drückt sie fest und wortlos. Und weint. Er ist überzeugt, dass dies das letzte Mal sein wird. Das macht er nun schon einige Jahre so. Von Jahr zu Jahr steigt die emotionale Intensität und irgendwann wird er Recht behalten.

Neulich ist ein Ehepaar im Dorf gestorben. Beide 82 Jahre alt, beide schwerstdement, beide am selben Tag. Er lag morgens tot im Bett, sie saß mittags tot auf einem Stuhl. In der Dorfzeitung steht: "Wenn die Kraft nachlässt, ist Sterben eine Gnade."

Und ich stand auf dem Dorffriedhof am Grab eines Mannes, Doktor der Medizin, der mit 34 Jahren gestorben war. Auf seinem Grabstein steht: "Seine Sonne ging unter, bevor es Abend wurde."

In einer Stunde geht mein Flug.

10. April 2010

große Fragen der Existenz / heute: Wo genau kommt eigentlich das Ei raus?

Immer wieder erstaunlich, was man alles nicht weiß - in diesem Leben. Da kam neulich, als wir beim Osterkaffeetrinken saßen, die Frage auf: "Wo genau kommt eigentlich das Ei raus?" beim Huhn, das immerhin wussten wir, und nicht beim Hasen. Aber aus welchem Loch? Und wie ist das mit den Löchern beim Huhn? Hat es zwei Ausgänge? Oder kommt da alles aus einem Loch? Und wo wird das Huhn vom Hahn reingevögelt? Wir hatten verschiedene Vermutungen und Vorstellungen; aber genau wusste es keiner. Ich habe das jetzt mal recherchiert.

Vater erzählte früher gerne den Witz: "Warum schauen die Hühner beim Trinken immer nach oben zum Himmel? - Sie danken dem Herrgott dafür, dass sie nicht pinkeln müssen." Das ist natürlich nur eine Geschichte, in Wahrheit glauben selbst Hühner nicht an einen personalisierten alten Mann im Himmel als metaphysischen Überbau, sie trinken schöpfend und lassen das Wasser runterlaufen (im Gegensatz zu Tauben, die angeblich auch saugen können), aber es hilft schonmal als ersten Erklärungsschritt weiter. Das Loch zum Pinkeln brauchen sie einfach nicht, die Hühner. Das andere dafür umso häufiger, schließlich kacken Hühner ständig alles voll. Außer ihr Nest und ihr Ei.

"Die Vogelniere besitzt eine nur sehr zarte bindegewebige Kapsel; ein Sinus renalis mit darin liegendem Nierenbecken fehlt. Dem Harnapparat fehlen ferner Harnblase und Harnröhre. Da die Eiweißabbauprodukte bei Vögeln nicht in Form von Harnstoff sondern Harnsäure ausgeschieden werden, kann der Harn durch Wasserentzug so stark eingedickt werden, dass er als weißlicher Brei schubweise mit dem Kot gemeinsam abgesetzt wird." /*

Also, von außen gesehen, hat das Huhn, wie alle Vögel, nur ein Loch: die Kloake. Aber unmittelbar dahinter, im Huhn, gibt es eine Abzweigung zur Vagina. "Bei der Eiablage stülpt sich die Vaginalöffnung bis zur Kloakenöffnung nach caudal, wodurch die Verschmutzung des Eies verhütet wird, das mit der Kloakenwand gar nicht in Berührung kommt." /*

"Die dreiteilige Kloake erhielt ihren Namen, weil Darm, Harnleiter und Keimleiter in sie münden. Der Kranialabschnitt, das Coprodaeum, ist eine ampullenartige Fortsetzung des Colorectum, dessen Zottenschleimhaut es auch besitzt und von dem es nur durch einen M. sphincter cloacae cran. getrennt ist. Der Mittelabschnitt, das Urodaeum, beginnt cranial mit einer hohen mittleren Grenzfalte, die den M. sphincter cloacae intermedius enthält. Zwischen ihr und der niedrigen caudalen Grenzfalte befinden sich dorsoparamedian die kraterförmigen und punktgroßen Ostia ureterica. Seitlich davon münden auf der Spitze 3 - 4 mm langer Papillen die Samenleiter resp. links seitlich mit schlitzförmiger Öffnung die Vagina, während rechts seitlich eine kleinere Öffnung des rechten Vagina-Residuum als flüssigkeitsgefüllte, dünnwandige Blase vorhanden sein kann." /*

Und übrigens von wegen vögeln, der Hahn hat auch nur diese Kloake, da ist nix mit Hahnpenis, die schubbern ein bisschen ihre zwei Löcher aneinander. Das will man vielleicht auch gar nicht so genau wissen.

"Beim Hahn findet sich an gleicher Stelle während der geschlechtlichen Erregung ein winziger 'Phallushügel', der funktionell sicher bedeutungslos ist, aber wie der Phallus der Wasservögel durch Lymphe erigiert wird, die von lymphatischen Organen in der seitlichen Wand des Urodaeum erzeugt wird und nach der Erektion durch Lymphherzen abtransportiert wird. Bei phalluslosen Vögeln (wie beim Huhn, s. o.) werden die Kloaken der Geschlechtspartner etwa bis zum Urodaeum entblößt und aufeinandergepresst." /*

* zitiert aus: Harn- und Geschlechtsapparat der Vögel, pdf-download, userpage.fu-berlin, PD Dr. H. Bragulla

4. April 2010

K-Straße / Freunde treffen



Heute war der Pluswagen dann wieder verschwunden. Dafür standen zwei Freunde da.

3. April 2010

Fragmente einer Sprache der Liebe / Osterpost

Lydia Schuster schrieb mir heute: "Schluss mit der schlaffen Gurke!" Und Della Wunderlich schrieb: "Schweine sind dick!" Aha. Vielen Dank.

2. April 2010

der Wald / Karfreitag

Heute war ich am Grunewaldsee. Hatte sich so ergeben; ich war mit dem Fahrrad unterwegs, plötzlich war ich dort. Und mit mir zehntausend andere Menschen. Und außer mir alle mit Hund. Idyllisch. Das Problem am Grunewald ist ja, dass es gar kein Wald im eigentlichen Sinne ist. Es sind aneinandergereihte Stöckchen, hochgeschossenes Gestrüpp. Seltsam aufgeräumt und rechtwinklig. Wald ist anders. Wald, das sind große, uralte Bäume, Zeugen vergangener Zeiten; Eichen, Buchen, Tannen; Wald, das ist geheimnisvoll und erhaben; Lehm und schwere Erde; tiefes Grün und Dunkelheit; Wald, das ist bedrohlich und feucht; mit geheimnisvollen Bewohnern, wilden Tieren, Elfen, Zauberern, Hexen und Zwergen. Das ist Wald. Wie mein Freund, der berühmte Fotograf in Paris, vor vielen Jahren in Dortmund sagte: "Lass uns in den Wald gehen. Ich will große Bäume sehen, hohe Buchen und Eichen, und mich klein und mickrig fühlen." Das ist Wald. Das kennen die Menschen hier in Berlin und um Berlin ja gar nicht. Man stelle sich mal Heidegger in einer Hütte im Grunewald vor. Sein und Zeit wär' da bestimmt nicht rausgekommen. Ein Rezept für Currywurst vielleicht.

bald: Wald, Merve Nr. 307

31. März 2010

K-Straße / heute die ganze Wahrheit

Heute Titelthema in der Zeitung. Eine Hure packt aus: "Die Kurfürstenstraße - Berlins schlimmste Sexmeile!"

29. März 2010

Obst & Gemüse / das Gurkenproblem


das Gurkenproblem eins bis drei © Wolf Klein 2010

27. März 2010

dreiundvierzig Gramm


43 Gramm © Wolf Klein

Ein ganzes Pfund gibt's da.

21. März 2010

Erfolg ist nicht Alles / Wie alles mit allem zusammenhängt

Frau Caveng macht Kunst. Nicht nur in Plustüten, auch anderswo. Demnächst zum Beispiel in der galerie m beck in Schwarzenacker. Schwarzenacker ist ein unscheinbarer Ort am hinteren Rand des Saarlandes. Wenn man von Frankreich aus guckt. Danach kommt Einöd, dann kommt Rheinland-Pfalz. Die Galeristin Monika Beck war einige Jahre lang als Staatssekretärin die Bevollmächtigte des Saarlandes beim Bund, also die Chefin der Landesvertretung hier in Berlin. Das war zu der Zeit, als ein Herr aus der Landesvertretung mich mal im Blumenladen besuchte - in meinem ersten Blumenladen in der Jungstraße. Die galerie m beck wird inzwischen scheinbar von Nachfolgern der Staatssekretärin a.D. M. Beck geführt.

Schwarzenacker hat 620 Einwohner und eine Ausgrabungsstätte mit Überresten aus der Römerzeit, das Römermuseum. "Wir schreiben das Jahr 275/276 n. Chr. Die prasselnden Flammen erlöschen. Der Rauch verzieht sich, das aufgeregte Geschrei verebbt. Stille macht sich breit in Schwarzenacker." Da fährt man als Schulklasse hin. Ich war da auch mal. Vor vielen, vielen Jahren. Und ein paar Jahre später habe ich in Schwarzenacker mein allererstes Praktikum bei einem Werbefotografen gemacht. Der machte Bierfotos für die lokale Großbrauerei. "Weber Paul, wir danken dir, für das gute Karlsberg-Bier!" Und ich lernte, dass es hochkompliziert ist, anständige Bierfotos zu machen; so mit goldgelbem Licht im Glas und mit Schaum oben drauf und mit Tropfen außen dran. Das war noch vor Photoshop; und die Zeit von Tempo und Max und alle wollten Werbefotograf werden. Ich auch. Und in Berlin war gerade die Mauer gefallen.

Ein paar Jahre später ist der Werbefotograf eines Mittags plötzlich verstorben. Ein Sekundentod, wie es damals hieß. Er setzte sich nach dem Mittagessen in einen Sessel und stand nie wieder auf. Beinahe wäre er 46 Jahre alt geworden. Mich erreichte die Nachricht seines frühzeitigen Dahinscheidens in Form eines Briefes meiner Mutter. Sie hatte kurzerhand die drei Todesanzeigen aus der Zeitung ausgeschnitten, in einen Umschlag gesteckt und dem Sohn nach Berlin geschickt. Zusammen mit der oben abgebildeten Notiz. "Erfolg ist nicht Alles." Eine Freundin wortreicher Erklärungen ist sie noch nie gewesen.

17. März 2010

das Heft / das Buch / der Blumenladen


der Gummibaum in Hamburg © Kai von Kröcher, 2010

Da waren wir doch neulich mit dem Gummibaum in Hamburg. Und dort trafen wir Hannah Bauhoff. Und die hat jetzt einen super Knallertext auf PAGE emag geschrieben. Der wundersame Blumenladen. Doll. Sehr doll.