9. Juni 2009

der freundliche Blumenhändler unterwegs


der Blumenladen Wien 2009

Dieses elende, unfreundliche Berliner Pack hier aufer Straße geht mir heute schon ganz gewaltig auf'n Sack. Was'n Glück, dass ich morgen schon wieder weg bin. Fahre nach Mannheim. Mannheim soll ja auch sehr schön sein. Und außerdem gibt's da übermorgen einen Höhepunkt der Oper: Parsifal. Vier Stunden. Die Mannheimer Wagnerianer gelten als die härtesten überhaupt. Dagegen ist Bayreuth leichte Unterhaltung. Seit zweiundfünfzig Jahren wird am Nationaltheater Mannheim dieselbe Inszenierung aufgeführt.

"Mindestens zwei Mal im Jahr, an Karfreitag und Fronleichnam, kommt dort nahezu unverändert jene Parsifal-Inszenierung zur Aufführung, die Hans Schüler bereits 1957 auf die Bühne brachte. Karten zu erhalten erweist sich als fast genauso schwer wie für den Grünen Hügel in Bayreuth. Mit einem Publikum, so international wie die Wagnergemeinde. Mit Festgarderobe, die sich von selbst anlegt. Besucher dabei, die mehr als 40 Jahre die immergrüne Produktion begleitet haben. In den Pausengesprächen schwingen Andacht und Ergriffenheit mit. Der Ton dezenter und zurückhaltender als sonst - das Wort 'Wagnergemeinde' bekommt einen religiösen Klang. Und bei manch einem löst dieser Mannheimer Parsifal den status confessionis aus, wildfremde Menschen bekennen einander unaufgefordert ihren christlichen Glauben. Nietzsche wusste, warum er nach Parsifal Wagner die Gefolgschaft kündigte. Schüler zeigt es. (...) (Sie) geben ihr Bestes und tragen dazu bei, dass dieser Parsifal erneut geschieht, nicht gemacht wird, sich ereignet und darum zum Ereignis wird. Wer Wagner sucht, wird ihn in Mannheim finden", schreibt Herr Herkommer. Na dann.

In Wien gibt es vorm Opernhaus eine unterirdische Passage, eine Verbindung von der Oper zum Karlsplatz, eine sehr eigenwillige Unterwelt von ausgesuchter Scheußlichkeit. Auf'm und unter'm Karlsplatz lungern alle Drogenabhängigen von ganz Österreich rum, sagt man. Es seien ungefähr siebzig insgesamt, sagt man. Ich habe nicht genau nachgezählt, aber es könnte hinkommen. Es wirkt wie ein Zeichen der Wiener an die Welt. "Schaut her, wir haben auch Elend!" Und in der unterirdischen Passage laufen sie dann zombiemäßig hin und her. Vielleicht ist es aber auch ein Ableger der Geisterbahn vom Wurschtl-Prater. Was weiß ich. Doll ist auf jeden Fall die Operntoilette, die ist auch in dieser Passage unter der Erde. Eine öffentliche Toilette mit kitschiger Wandbemalung und lauter Walzermusik. Ohne Scheiß. Es gibt Bilder und es gibt Filme davon.

"Was macht den Zauber dieser Inszenierung aus? Ist es die Vertrautheit, die anrührend wirkt? Gleich gebliebene Bilder aus einer längst vergangenen biografischen Epoche? Erlebt man wenigstens hier wohltuende Kontinuität bei allem rasanten Wechsel? Eingerammter Pfahl im Fleisch der Schnelllebigkeit unserer Zeit?"

Grüße nach Wien


ein bisschen Grün, Wien 2009

Bin wieder zurück in Berlin. Hier ist es kalt und es regnet heftige Schauer. In Wien im Spätfrühling war's warm. Schon fast sommerlich. Gestern, an meinem letzten Tag in Wien, hatte ich einen Tag frei. Die Sonne schien, das Gras wuchs von allein, es war wunderschön. Ich hatte mir einen hochmodernen Reiseführer gekauft, um nachlesen zu können, was ich alles nicht gesehen habe, wenn ich dann wieder im kalten Berlin bin. Ich bin durch Wiener Straßen gebummelt und dann ins Museumsquartier. Das ist ja wunderschön. Viele nette Innenhöfe, total belebt mit jungen schönen Menschen. Draußen. Drinnen in der Kunsthalle Wien, in der Ausstellung von Thomas Ruff, war ich der einzige Besucher, als die Schulklasse gegangen war. Draußen lungern die Menschen auf den Enzis rum und freuen sich. Dort gibt's auch WLAN. Die Enzis sind toll. Und werden jedes Jahr in einer anderen Farbe angemalt; letztes Jahr Flieder, dieses Jahr Zitronengelb. Nett. Und freundlich. Über die Farbe entscheiden die Wiener jedes Jahr in einer Volksabstimmung. Die Kunsthalle Wien ist auch doll. Sommer der Fotografie. Ein paar der Serien von Ruff finde ich auch sehr doll. Insbesondere die Nachtaufnahmen. Herr Ruff sagt auch manchmal gute Sätze. "Alles was ich mache, ist deshalb Kunst, weil ich an einer Kunstakademie studiert habe." Es gab auch eine Videoaufzeichnung von einem Gespräch zwischen der Kuratorin der Ausstellung und dem Künstler. Die Kuratorin stellte kluge Fragen in komplizierten, wirren Schachtelsätzen; der Künstler antwortete banale Antworten. Damit man sieht, dass der Künstler ein Mensch wie du und ich ist. Und weil ihm wahrscheinlich langweilig war. Die Kuratorin wollte zum Abschluss des Gesprächs noch was über nichtrealisierte Projekte wissen, sie habe das mal bei einem anderen Kurator gehört, und sie finde das eine ganz spannende Frage, welche Projekte ein Künstler nicht realisiert habe, aus welchen Gründen auch immer. Manche Projekte seien ja auch einfach nicht realisierbar. Herr Ruff überlegte kurz und antwortete, solche Projekte habe er nicht. Es seien ihm noch keine unrealisierbaren Arbeiten eingefallen. Dann überlegte er nochmal kurz und sagte, es gäbe vielleicht eins, was er noch gerne machen möchte, er möchte mal anständige Blumenfotos machen. Er habe das in der Vergangenheit immer mal wieder probiert, aber sie würden immer scheiße werden.

7. Juni 2009

Grüße aus Wien


Wohlmutstraße Wien, könnte Kurfürstenstraße sein.

Ach ja, wählen. Während sich in Deutschland kein Schwein für die Europawahl interessiert, interessiert sich hier eigentlich auch keiner dafür, es wird aber groß zum Thema gemacht. Alle reden dann doch irgendwie drüber. Ob sie schlussendlich wählen gehen, weiß ich nicht. Hier hängen Plakate rum mit dem Spruch "Abendland in Christenhand!". Das ist dann doch zumindest gewöhnungsbedürftig. Jeden Tag kommt so ein Junge aus der Nachbarschaft in die Galerie. Blutunterlaufene Augen, zugedröhnt bis hinter die Ohren. Aber er versichert jedes Mal, dass er auf jeden Fall die Grünen wähle. Weil die Galerie hier einem Bezirkspolitiker der Grünen gehört. Letztes Jahr war der Blumenladen noch bei der SPD in Bonn, dieses Jahr bei den Grünen in Wien. Der Blumenladen ist schwer politisch. Der Junge erzählt mir jetzt immer so Zeug, dass er die Blumen hier gut findet, dass er auf jeden Fall für seine Mutter eine kaufen wolle, weil sie ja jetzt bald ein neues Wohnzimmer bekämen, in Blau, ganz toll. Gestern sagte er dann ganz unvermittelt, er müsse los, sein Parkschein vom Auto sei abgelaufen. Und dann war er weg. Dabei kann der gar nicht autofahren.

4. Juni 2009

Grüße aus Wien




Ich hab 'nen neuen Freund. Er lag im neuen Blumenladen. Er kann aufm Rücken liegen und aufm Bauch. Finde ich gut. Ich nenne ihn Karl.

Vorhin waren wir essen beim Libanesen. Lecker. Nahrungsaufnahme ist hier ja enorm wichtig. Wir kamen irgendwie auf die neue Rechtschreibung und die Wienerinnen erzählten, dass sie es ganz schrecklich finden, dass sie Gämse jetzt mit ä schreiben sollen. Weil es von Gams komme. Das möchten sie nicht. Man könne Gämse nicht mit ä schreiben. Ich hatte mir darüber noch nie Gedanken gemacht, weil ich das Wort Gämse noch niemals in meinem Leben benutzt habe. Wir kamen drauf, weil ich Stängel mit ä schreibe. Weil es von Stange kommt.

Überhaupt ist das mit den Wörtern hier schwer kompliziert. Man denkt, Wien, klar, kenn ich, versteh ich. Eine Sprache und so. Nix. Drauf geschissen eine Sprache. Dauernd gibt's Verwirrung. Heute hieß es dauernd, stellen wir die Sessel auf oder nicht. Und ich dachte immer, welche Sessel überhaupt? Ich wusste nicht, dass die Menschen hier Sessel zum Stuhl sagen. Und wenn ich Stuhl sage, denken die an menschliche Ausscheidungen.

27. Dezember 2008

der Himmel über Berlin



Der Himmel über Berlin. Vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Den Satz mag Frau Wulffen ja besonders gern. Zwischen den Jahren. Den Spruch mag ich ja besonders gern. Als klaffte da jetzt plötzlich 'ne Lücke zwischen den Jahren. Weil das eine Jahr schon gegangen ist, und das andere noch nicht da ist. Hat vielleicht den Bus verpasst und steht jetzt da an der Haltestelle rum und wartet. Und weiß auch nicht, wie es da jetzt weg kommt. Und in der Zwischenzeit müssen wir auf die Lücke aufpassen. Vielleicht fällt ja der Himmel hindurch. Und dann ist er weg. Für immer. Wär schade drum.

24. Dezember 2008

James / damals



Das ist James. Gewesen. Vor drei Jahren. Wir hatten damals beschlossen, zu Weihnachten solle es Hummer geben. Deshalb sind wir schon viele Wochen vor Weihnachten in die Fischabteilung des Supermarktes in Schöneberg gegangen, um zu fragen, ob man einen Hummer bestellen könne. Für Weihnachten. Ja, das sei möglich, sagte die Frau in der Fischabteilung, nachdem sie mit ihrem Lieferanten telefoniert hatte. Der Hummer würde am dreiundzwanzigsten gegen Mittag bei ihnen angeliefert werden. Es sei allerdings ganz wichtig und unbedingt notwendig, dass wir den Hummer auf jeden Fall noch am selben Nachmittag abholen würden, das müssten wir ihnen garantieren, denn es sei wegen irgendwelcher Artenschutzabkommen streng verboten, den Hummer über Nacht im Laden zu lassen. Das hat sie mehrmals wiederholt. Das sei ganz wichtig. Sie könnten auf keinen Fall den Hummer über Nacht behalten. Wir haben das dann versprochen und garantiert; und der Hummer wurde bestellt.
Die Abholung und Betreuung des Hummers war dann meine Aufgabe. Ich bin also am dreiundzwanzigsten nachmittags in die Fischabteilung des Supermarkts. Dort stand gerade eine Kundin mit ihrer kleinen Tochter. Und eine Fischverkäuferin. "Ach, Sie wollen unseren Hummer abholen?!" Die Verkäuferin ging nach hinten, um den Hummer zu holen. Währenddessen zeigte die Mutter mit dem Finger auf mich und erklärte ihrer Tochter: "Das ist der Mann, der den Hummer abholen will."
Die Verkäuferin kam zurück mit einer großen Styroporkiste, in der saß der Hummer. Und die Verkäuferin hatte noch zwei Kolleginnen mitgebracht. "Oh, jetzt wird unser Baby abgeholt." Sie waren alle gekommen, um sich zu verabschieden. Beim Hummer in der Kiste lagen ein paar Krabben. "Wir hatten versucht, ihn zu füttern. Aber er wollte nicht fressen." Sie versuchten nochmal, ihn mit einer Krabbe zu füttern, aber er wollte immer noch nicht fressen. Er saß mit gefesselten Scheren-Armen in der Kiste und guckte. Es gab einen langen, emotionalen Abschied. "Oh, unser Baby!" "Oh!" "Oh!" Und dann machte ich, dass ich aus dem Laden kam. Die drei Verkäuferinnen winkten ihrem Baby hinterher.
Zu Hause guckte ich den Hummer nochmal an. Und er guckte mich an. Er bewegte ein paar seiner langen Fühler. Und er bewegte seine langen Augen in unterschiedliche Richtungen. Und ich gruselte mich entsetzlich. Ich deckte den Hummer mit einem nassen Tuch ab, und verstaute die Kiste im Kühlschrank. In dieser Nacht hörte ich immer wieder Geräusche in der Küche. Ein leises Kratzen und Schaben. Und ich fürchtete mich sehr.
Am Heiligen Abend kamen wir dann zusammen, um uns gemeinsam dem Hummer zu widmen. Wir befreiten ihn von dem nassen Tuch und schauten ihn an. Und er schaute. Mit diesen komischen Augen. Wir tauften ihn James. Nach James Dean. Weil es von dem doch hieß, dass alle immer sofort von seinem Blick fasziniert waren, er in Wahrheit aber einfach nur blind wie ein Fisch gewesen sei.
Dann wurde ein großer Topf auf dem Herd vorbereitet, darin Wasser zum Kochen gebracht. Schließlich kam der Moment, einer musste James schubsen, ins kochende Wasser, zwei andere mussten blitzschnell den Deckel auf den Topf packen und festhalten. Damit er nicht wieder raussprang. Es schäumte und brodelte. James klopfte von innen gegen den Topf. Doch das Schlimmste war, er schrie. Markerschütternde spitze Schreie. Drei Minuten lang ungefähr. Dann war es plötzlich still.

12. Dezember 2008

Sie haben gewonnen!



Es ist Freitag. Wieder mal. Schon am frühen Vormittag klingelt das Telefon. "Klein."
"Firma ABC-Media, Herr Klein, ich wollte Sie nur fragen, ob Sie diese Woche die Berliner Woche bekommen haben?"
"Das weiß ich nicht. Das interessiert mich auch nicht."
"Ich weiß es auch nicht. Vielen Dank. Guten Tag."
Die Berliner Woche ist so 'ne umsonst Werbezeitung, die ich sowieso nie bekomme, weil ich "KEINE WERBUNG UND KEINE ZEITUNGEN!!!" an meinen Briefkasten geschrieben habe. Seither bekomme ich keine Zeitungen mehr. Werbung für den siebzehntausendsten Asia-Lieferservice oder kostenlose Entrümpelung oder Entsorgung meines alten Fernsehers bekomme ich immer noch. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Menschen, die das Zeug in meinen Briefkasten stopfen, gar nicht lesen können. Dafür klingeln sie dauernd an der Tür vorne, um an die Briefkästen zu kommen. Auf die Türklingel reagiere ich schon lange nicht mehr. Ich bin ja mit Telefonieren beschäftigt. Am Nachmittag klingelt das Telefon wieder. "Klein."
"Herr Klein, Sie haben gewonnen."
Ja klar, du mich auch. Denke ich. Das kenn ich. Sie haben einen Tagesausflug auf einem Esel durch das Hinterland von Mallorca gewonnen. Aber die Reise und das Hotel muss ich natürlich bezahlen. Aber das Hinterland ist so schön. Das müssen Sie gesehen haben. Und wir machen Ihnen für das Hotel ein ganz besonderes Angebot. Weil heute Ihr Glückstag ist. Unser Zufallsgenerator hat Sie aus über zwanzig Millionen Haushalten ausgewählt. Das ist eine einmalige Gelegenheit.
Oder vielleicht eine Tankfüllung für einen Mietwagen auf Island. Das soll auch dort sehr schön sein. Das müssen Sie gesehen haben. Oder vielleicht eine neue Telefongesellschaft. Möchten Sie nicht endlich Ihre Telefonkosten senken? Wie hoch ist denn Ihre Telefonrechnung im Monat? Überlegen Sie nur, was Sie da sparen könnten! Und das Monat für Monat. Damit könnten Sie im nächsten Sommer schon Ihren Mallorca-Urlaub finanzieren.
Wenn man zu den Menschen von öffentlichem Interesse gehört, wird das alles noch viel anstrengender. Weil dann noch ständig Stimmenimitatoren anrufen. Wie neulich bei der Kommunalpolitikerin in Hessen. Die dachte, ihr großer Parteivorsitzender sei am Telefon und hat unglaublich arschkriecherisches Zeug geredet. Und dann stellte sich am Ende raus, das war eine Verarsche von einem Radiosender, und das ganze Gespräch wurde aufgezeichnet. Da würde man sich als normaler Mensch vor Scham in der Badewanne ertränken.
Umgekehrt ist das dann letzte Woche in Amerika passiert. Da rief ein Mann bei einer Politikerin an und sagte, er sei Obama. Und die aufgeweckte Frau dachte sich, aber nicht mit mir. Und hat den Freak abgewimmelt. Angeblich war er es aber wirklich. Und sie geht jetzt in die Geschichte ein, als die Frau, die nicht mit ihrem Präsidenten reden wollte.
"Aber, Herr Klein, Sie haben wirklich gewonnen. Wir haben gerade die Jury-Sitzung für den Schöneberger Fotopreis beendet. Und dass ich Sie anrufe, bedeutet, dass wir uns für Sie entschieden haben. Herzlichen Glückwunsch."
Und nächste Woche gehe ich dort hin und hole haufenweise Knete ab. Wie cool ist das denn??!

27. November 2008

Wolf ist berlin / sei wort, sei tat, sei berlin



Es hat eine Weile gedauert. Erst habe ich geschimpft. Über die neue Werbung für Berlin. Über die Kampagne. Über die doofen Bilder und Sprüche. Über den allzu offensichtlich pseudohaft sozialen Impetus. "Jeder ist Berlin." "Die Menschen machen die Stadt zu dem, was sie ist." "Du bist Berlin." "Berlin bist du. Jeder von euch. Alle zusammen." Über dieses MachmitwirmachenGemeinschaftDing, das doch nur einfach Werbung ist. Dann habe ich überlegt, ob ich eine Bombe bastele. Und sie in diese Werbeagentur schmeiße, damit endlich Ruhe ist mit den geschwätzigen Bildern und Texten, dem ganzen Belästigtwerden. Aber weil Bombenschmeißen verboten ist, habe ich dann eine Geschichte genommen und eingeschickt. Wie alle andern auch.
Dann ist lange nix passiert. Dann habe ich mich geärgert. Dann habe ich wieder über die Möglichkeiten mit der Bombe nachgedacht und überlegt, ob das nicht effektmäßiger sei. Dann habe ich eine Mail geschrieben und mich beschwert. Kurz darauf habe ich eine freundliche Antwort von der be berlin Redaktion bekommen. "Wir haben keine Geschichte von einem Blumenladen erhalten, was schade ist. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Geschichte einfach erneut hochladen." Dann habe ich die Geschichte wieder hochgeladen. Und die Bilder. Und das Formular ausgefüllt. Dann bin ich an der Technik gescheitert. Dann habe ich es wieder versucht. Dann bin ich wieder gescheitert. Dann habe ich es wieder versucht. Dann bin ich wieder gescheitert. Dann habe ich wieder über die Möglichkeiten mit der Bombe nachgedacht. Dann habe ich den Text wieder hochgeladen. Dann ging es. Möglicherweise. Dann ist ein paar Tage nix passiert. Dann habe ich den Text nochmal hochgeladen. Dann ist ein paar Tage nix passiert. Dann habe ich eine sehr freundliche Mail von der be berlin Redaktion bekommen. "... eine wunderbare Momentaufnahme vom Leben in Berlin." Mit der Bitte um eine kleine Änderung des Textes. "Bitte verstehen Sie, dass wir nur Geschichten veröffentlichen können, ... Wollen Sie diesen Teil umschreiben oder die Informationen an anderer Stelle in Ihren Text integrieren?" Das wollte ich sehr gerne. Dann habe ich den Text ein bisschen umgeschrieben. Heute hat dann die freundliche Frau von der be berlin Redaktion wieder geschrieben. "Hallo Herr Klein. Die Geschichte ist online, seit heute früh, was mich freut." Mich auch.
Wolf ist berlin
Es ist alles ein bisschen anders. Die Bilder sind in anderer Reihenfolge, der Text steht in einer anderen Rubrik, aber das finde ich gar nicht schlimm. Und ist vielleicht sogar besser so.

14. November 2008

So eine Scheiße.

Vielleicht ein Kunstwerk.

Als handlungsreisender Buchvertreter bin ich ähnlich erfolgreich wie als freundlicher Blumenhändler. Herr Luhmann war der Meinung, Sozialsysteme bestünden aus Kommunikationen und nicht aus Menschen oder so 'nem Quatsch. Da stimme ich ihm zu. Und innerhalb der Wirtschaft gebe es nur ein Medium der Kommunikation, die dialektische Frage nach Profit oder Nichtprofit. Digital quasi. Alles andere sei für die Wirtschaft egal und Quatsch. Soweit. Nichtprofit hat entscheidende Vorteile; wenn ich nicht tonnenweise Geld verdiene, muss ich keine Aktien kaufen, die dann den Bach runtergehen, weil irgendwelche mir unbekannte Vollidioten Mist gemacht haben, und ich dann völlig verzweifelt bin, blöd gucke, und mich dann ausm Fenster stürze. Der Blumenladen ist also eine entscheidend lebensverlängernde Maßnahme.
Heute war ich in einem der wichtigen Buchläden für Kunst und Fotografie in Berlin. Um ihnen das Buch zu zeigen. "Ähm, schauen Sie doch mal, ich hab da so 'n Buch gemacht. Geht um Fotografie."
"Zeigen Sie doch mal. Ach, da sind ja gar keine Bilder drin. Dann passt das nicht bei uns, wir haben hier die Abteilung für Kunst und Fotografie."
"Aber."
"Zeigen Sie's doch mal meiner Kollegin drüben in der Berlinabteilung. Die haben dort auch Gartenbücher."
"Aber."
Die Kollegin in der Berlinabteilung meinte: "Wir haben auch Gartenbücher, aber das hier passt bei uns nicht. Tut mir leid."
Glücklicherweise gibt es auch andere Buchläden. Die in der Buchhandlung für Photographie in den Hamburger Deichtorhallen finden, dass es sehr gut passt. Und neulich schrieb mir jemand, dass er das Buch zufällig im Leseglück gefunden habe, und gekauft habe, und ganz super finde. Und einer hat ein Buch bei Kisch gefunden, und gekauft. Ein ganz abgegrabbeltes Exemplar. Und jetzt hat er noch eins gekauft. Weil er's super findet. Vielleicht kauf ich doch Aktien. Wär gerade günstig.

12. November 2008

der Blumenladen

Gestern rief eine sehr freundliche Frau an, aus einer Arztpraxis ganz bei mir in der Nähe. Ob sie denn da beim Blumenladen sei? "J-ja", sagte ich. Ob ich denn wöchentlich einen Strauß in ihre Praxis liefern könne? Ich sagte ihr, dass sie gar nicht wöchentlich einen neuen Strauß bräuchte, weil die Blumen ja fast ewig halten würden. Und dass das Bilder seien, Fotos. "Na, das ist ja ein Ding", sagte sie. Sie habe sich so gefreut, sie habe nämlich die Nummer in den Gelben Seiten im Internet gefunden, und gesehen, dass der Blumenladen ganz in der Nähe sei, das hätte doch so gut gepasst. Wenn sie mal Bilder für die Praxis bräuchten, würde sie sich ganz bestimmt wieder melden. Dann hat sie sich ganz freundlich verabschiedet.

20. Oktober 2008

Wer jetzt kein Haus hat

So ein schöner Tag. Das Licht, die Sonne, die Luft, so schön. Ein warmer Herbsttag. Durch die Kastanienallee laufen die jungen urbanen Menschen; sie sitzen vor den Cafés; oder am Hang auf der Wiese. Die Bar, in der sonst immer Herr Lottmann sitzt, ist fast leer. Möglicherweise der letzte Tag seiner Art in diesem Herbst. Man weiß es nicht. Und wie jedes Jahr an dieser Stelle: Rilke. "... Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben." Einstmals sicherlich sehr ernst gemeint, hat es heute was von Zuckerglasur der Schwermut. In typografischen Fragmenten klebt das Gedicht an den Schaufenstern des großen Buchkaufhauses in der Friedrichstraße. Nichts weiter als schauriges Wohlfühlkuscheln, soll es zum Bücherkauf verleiten. Isolde Ohlbaum könnte dazu noch ein paar bunte Herbstblätter aufm Friedhof fotografieren. "So schön!" Vorm Verteidigungsministerium stehen ein paar Übertragungswagen der Nachrichtenfernsehsender und einige Kameras. Deutsche Soldaten sind gestorben in Afghanistan. "Ein Selbstmordattentat." Ganz oben am Gebäude, weithin sichtbar, ein großes Bundeswehrwerbeplakat. "Einsatz für den Frieden." Gleich neben dem Gebäude an einer Litfaßsäule ein kleines Werbeplakat. "Heimtiermesse Berlin. 31. Oktober bis 2. November."

19. Oktober 2008

aus gegebenem Anlass



Herr Lottmann ist ganz bestimmt auf der Buchmesse in Frankfurt. Aber ich hab ihn noch nicht gesehen. Dafür hab ich Uwe Timm gesehen. Uwe Timm schreibt ja ganz ähnlich wie ich, schreibt eine Leserin ganz begeistert. "Hallo Wolf, nun beschäftige ich mich schon zwei Tage mit dem Blumenladen und den Begegnungen, die Sie geschildert haben. Ich bin sicher, dabei wird es nicht bleiben. Es freut mich, dass es jemanden gibt, der Menschen in Worten fotografiert. Oft auf solch komische Weise, die ich bisher nur bei Uwe Timm angetroffen habe. Leider sind seine Beschreibungen oft traurig und komisch zugleich oder schwermütig, so dass ich nur selten mehrere Geschichten am Stück lesen kann (bis auf Rennschwein Rudi Rüssel)." Wohingegen meine Beschreibungen nicht schwermütig eher schwerelos sind. Ich will ja schließlich niemanden deprimieren. Und Elend gibt es schon genug auf der Welt. Uwe Timm sitzt in Frankfurt aufm Sofa. Ich habe ein Schriftstellerfoto gemacht. Leider hat er seine Brille nicht in die Hand genommen. Wahrscheinlich sieht er dann nix mehr. Ich sitze zu Hause aufm Sofa. Also, ich säße aufm Sofa, besäße ich ein Sofa.

16. Oktober 2008

I. Ohlbaum

Die nervigste Fotografin seit Anbeginn der Zeitrechnung ist Isolde Ohlbaum. Da bin ich sicher. Isolde Ohlbaum fotografiert Schriftsteller. Und das seit ungefähr siebzehntausend Jahren. Immer wenn irgendwo auf der Welt ein Verlag oder eine Redaktion ein Foto von einem Schriftsteller brauchen, rufen sie Isolde Ohlbaum an. Und die macht dann ein Schriftstellerfoto vom Schriftsteller. Da ist sie völlig schmerzfrei. Am Ende in der Zeitung ist dann immer so ein Schwarzweißbild von einem großen, alten Kopf mit wenig Haaren und tiefen Furchen. Wenn ein bisschen mehr Platz ist, hält der Schriftsteller noch was in der Hand. Gerne eine Brille oder eine Pfeife. Notfalls geht auch Zigarre. Oder, ganz selten, Zigarette. Zigaretten aber nur bei den linken Schriftstellern in alten, ausgeranzten Jackets. Ich glaube, alle haben Angst, dass der Schriftsteller nicht als Schriftsteller zu erkennen ist, wenn er nicht von Isolde Ohlbaum als Schriftsteller fotografiert wurde. Und die paar Schriftstellerinnen fotografiert sie dann halt nebenbei auch. Das macht bei Elfriede Jelinek auch kaum einen Unterschied.
Wenn sie keine Schriftsteller fotografiert, läuft Isolde Ohlbaum auf Friedhöfen rum und fotografiert Engel und alte Steine im Streiflicht. "So schön! Wie sie die Ruhe darstellen kann. Und auch die Schönheit in der Vergänglichkeit." Und sie fotografiert Blumen. "So schön!" Auch da mit Schönheit und Vergänglichkeit. Und die Schönheit in der Vergänglichkeit. Und umgekehrt. Und sie hatte auch in einem Blumenladen fotografiert. Und Texte dazu geschrieben. Und ein Buch daraus gemacht. Jetzt gibt es ein neues, dickes Buch mit den alten Schriftstellern. Sauteuer. Braucht kein Mensch. Verkauft sich aber bestimmt prima zu Weihnachten.
Ich frage mal die Verlegerin, ob sie nicht mal die Ohlbaum anruft. Dann kann die ein Foto von mir machen. Dann hänge ich vielleicht mal in einer Reihe mit dem Handke und der Jelinek.

8. Oktober 2008

Marktforschung

"Du brauchst wieder 'nen Laden", sagte der anonyme Filmemacher, "dann hast du was zu tun und hängst nicht mehr zu Hause rum und bist scheiße drauf."
"Das mag ja sein", sagte ich, "aber halt mal 'n Laden, der Geld einbringt und nicht Geld kostet. Ich weiß aber auch gar nicht mehr, was die Menschen heute bewegt. Die heute Zwanzigjährigen; haben die Ziele, Wünsche, Träume? Was interessiert die? Ich weiß das überhaupt nicht. Ich kenn ja gar keine."
"Dann frag doch mal welche. Wir könnten eine Umfrage machen. Am Potsdamer Platz. Da sind doch immer ganz viele von denen."
"Und die fragen wir?"
"Ja. Was sind deine Träume? Was bewegt dich? Was würdest du kaufen, das mit Fotografie zu tun hat?"

3. Oktober 2008

...lalala (Nachtrag)

"No, Aunt Em, this was a real, truly live place. And I remember that some of it wasn't very nice but most of it was beautiful. But just the same, all I kept saying to everybody was, 'I want to go home!' And they sent me home. Doesn't anybody believe me? And oh, Auntie Em, there's no place like home!"

1. Oktober 2008

Somewhere ...lalala



Da geht einem den ganzen Tag dieses Scheißwetter auf'n Sack. Und dann kommt abends auch noch 'n Regenbogen. Ich lehne diese Form von Monumentalkitsch entschieden ab.

Auch nicht viel besser.



Die Gerüstbauer haben im dreieinhalbten Stock mit dem Gerüstbauen aufgehört. Die wollen scheinbar gar nicht bis zu mir hoch. Da hab ich die Fenstervermummung halt wieder abgemacht. Aber der Dreck da draußen ist auch nicht viel besser.
*) Mit dem Foto grüße ich Kai von Kröcher und danke für die wärmende Anteilnahme und aufmunternden Worte.

24. September 2008

das Loch in der Brust


Fotos: Rätisches Kantons- und Regionalspital Chur, Departement Chirurgie

Seit neulich gibt Herr Schlingensief wieder Interviews. Er war ja ein halbes Jahr verschwunden weil er Lungenkrebs hatte. Er hatte damals noch schnell eine Informationssperre verhängt und ist dann ins Krankenhaus und hat sich die halbe Lunge rausschneiden lassen. Also wörtlich die halbe Lunge; den linken Lungenflügel. Eine halbe Lunge ist das Maximale, was man rausschneiden kann, danach ist Schluss. Und auch die halbe Lunge verkraftet nicht jeder, da muss die andere Hälfte noch gut funktionieren, damit sie den Körper einigermaßen am Leben erhält. Ein paar der Lungenamputierten überleben noch fünf Jahre, dann ist auch da Schluss.
Jetzt inszeniert Herr Schlingensief wieder und spricht mit jedem Journalisten, der vorbeikommt. Und alle Zeitungen schreiben große Texte. Und auch im Fernsehen gibt Herr Schlingensief Interviews. Ich habe ihn gesehen, wie er da stand und redete; mit einer halben Lunge. Und während ich ihm zuhörte, habe ich unbemerkt immer flacher geatmet. Ich habe versucht nachzuempfinden, wie das Atmen mit einer halben Lunge sich anfühlt. Es ist mir nicht gelungen. Er röchelte ganz eigenartig beim Reden, hat sich häufig geräuspert, und immer wenn er husten musste, dachte ich, jetzt ist's zu Ende, gleich spuckt er Blut. Hat er nicht. Er hat das Interview überlebt.

Bei mir hat das allerdings Fragen aufgeworfen. Was passiert da in der Brust? Was ist mit dem Loch?
So eine Lunge ist ziemlich groß. Auch eine halbe Lunge ist noch verdammt groß. Bei den Hausschlachtungen meines Vaters früher, erinnere ich noch, dass die Lunge eines Schweins beispielsweise, wenn sie so auf dem Tisch lag, ein ziemlich mächtiges Organ war. Und erstaunlich schwer. Wenn also so eine halbe Lunge rausgeschnitten wird, was passiert dann mit dem Loch? Ob da vielleicht ein Implantat eingesetzt wird? Eine Nachbildung aus Plastik? Damit der Brustkorb nicht zusammenbricht? Oder so ein Ding mit Flüssigkeit wie bei den Brustvergrößerungen?

Ich habe im Internet nachgeforscht, da steht:
"Als Standardverfahren wird die Entfernung eines einzelnen Lungenlappens (Lobektomie; Lappenresektion) über eine seitliche Eröffnung des Brustkorbs (Thorakotomie) in Vollnarkose durchgeführt. Wenn der Tumor zentral an der Lungenwurzel gelegen ist oder mehrere Herde auf einer Seite in verschiedenen Lungenlappen vorhanden sind und ausreichende Atemverhältnisse des anderen Lungenflügels vorliegen, kann auch die vollständige Entfernung des erkrankten Lungenflügels (Pneumonektomie) notwendig sein. Zusätzlich werden bei diesen Operationen standardmäßig die Lymphknoten an der Lungenwurzel und am Brustmittelfellraum der betroffenen Seite entfernt, um mögliche Absiedelungen des Tumors in den Lymphknoten (Lymphknotenmetastasen) zu beseitigen und das Ausmaß des Tumorleidens festzustellen. Nach einer Lappenentfernung dehnt sich die Restlunge wieder aus und füllt die Brustkorbhöhle vollständig aus. Nach einer Lungenflügelentfernung (Pneumonektomie) bildet sich zunächst eine Flüssigkeitsansammlung in der verbliebenen Brustkorbhöhle (Serothorax), die sich im weiteren Verlauf von Wochen und Monaten verfestigt und schließlich zu einem verwachsenen Brustkorb (Fibrothorax) führt."

Und: "Fibrothorax nennt man die Bildung einer aus Bindegewebe bestehenden Masse (Fibrosierung) in der großen Brusthöhle nach Pneumonektomie als langsam ablaufender einseitiger Schrumpfungs-Prozess; führt zu Zwerchfellhochstand, Verziehung des Mediastinums, Überblähung der restlichen Lunge, Verlagerung des Herzens und der großen Gefäße."

Also, das Riesenloch suppt mit Körperflüssigkeiten voll und dann verknurpselt das langsam mit Bindegewebe zu 'nem Klumpen. Irgendwie. Vorstellen kann ich mir das nicht so richtig.
Und es funktioniert wohl auch nicht immer. Ich habe einen Text gefunden über eine "neunundvierzigjährige Raucherin", der die halbe Lunge entfernt wurde. "Nach drei Monaten klagte die Patientin über Dyspnoe und postprandiale Schmerzen. Auf dem Thorax-CT war zu sehen, dass sich der Magen ganz in den oberen Bereich des linken Thorax verlagert hatte, ohne dass Hinweise auf eine Zwerchfellhernie vorlagen. Bei einer Pneumonektomie mit gleichzeitiger Phrenikusresektion kommt es nicht immer zum üblichen Auffüllen des Hemithorax mit Narbenmaterial. Die Lähmung kann zu einem massiven Zwerchfellhochstand führen, was unangenehme gastrointestinale Beschwerden verursacht. Es wurde der Patientin empfohlen, nur in strikt aufrechter Lage kleine Mahlzeiten zu sich zu nehmen und kohlensäurehaltige Getränke sowie blähende Speisen zu meiden. Zusammen mit einem Prokinetikum konnte damit eine genügende und weitgehend schmerzfreie Ernährung erreicht werden."
Drüber stand: "Wenn der Magen gegen die linke Schulter rutscht"

27. August 2008

Fragen Sie Herrn Klein

Guten Tag,
ich bin deutsche Staatsbürger und habe ich schon 28 Jahre in Hamburg gelebt. Zur Zeit lebe ich im Iran und möchte gerne wieder nach Hamburg zurück.
Ich habe vor ein Blumenladen zu offnen und hätte ich gerne Ihre Meinung für mich genutzt.
Wäre ein Geschäftsbereich, wo man normal gutes Geld verdienen kann?
Danke / M.

26. August 2008

Was macht eigentlich das Buch?

Ganz kleine Schritte.


Photonews Nr. 9 / September 2008

Wenn es die vielfältigen Redaktionen doch mal provozierte.
Und sie ganzseitige Artikel darüber schrieben. Das wär was.

24. August 2008

Sie sind ein Vorbild.



Ich habe einen Glückskeks bekommen. Nicht beim Chinesen sondern in der Apotheke. Nein, ich bin nicht krank, ich habe ein Duschgel gekauft. Das Keksding schmeckte ziemlich fies und auf dem Zettel stand: Sie sind ein Vorbild. You are an idol.
Ich finde, man könnte Apotheken abschaffen. Einen Zettel reinreichen, dafür eine Packung Tabletten rausgeben und Geldkoffer in die Schweiz schleppen - dafür könnte man auch dressierte Affen einsetzen. "Aber die Beratung?!!" Dafür auch.

Rosen in Gold und Silber

Gestern bin ich in die Goldene Rose reingelaufen, eher zufällig, aus Versehen. Ich war in den Potsdamer Platz Arkaden. Und da standen überall Touristen in Horden und fotografierten Blumen und Gestrüpp. Absurde Gebilde in spätpostmodernen Installationen aus Blech und Draht und Plastik. Blumendekorationen. Die Goldene Rose ist die Deutsche Meisterschaft der Floristen - Spitzenfloristik live.
"Ein Feuerwerk wahrer Spitzenfloristik erwartet Berlin vom 22. bis zum 24. August 2008. Anlässlich des 100-jährigen Fleurop-Jubiläums findet die 27. Deutsche Meisterschaft der Floristen, die 'Goldene Rose', in der Hauptstadt statt. Die Besucher der Potsdamer Platz Arkaden dürfen sich auf spektakuläre Sträuße, atemberaubende Pflanzarbeiten und originellen floralen Tischschmuck freuen."
Und Herr Wowereit hatte die Schirmherrschaft übernommen. "Er wünscht sich rote Rosen für seine Stadt – die wird er an diesem Wochenende ganz bestimmt bekommen!"
"Den Auftakt bildet eine Pflanzarbeit mit dem Titel 'be Berlin'. Die Finalisten sind aufgefordert, ihr Hauptstadtfeeling mit Bezug zur aktuellen Berlin-Kampagne floral zu interpretieren. Für die zweite Arbeit, einen floralen Raumschmuck, verarbeiten die Teilnehmer 100 Rosen aus der Initiative 'fair flowers - fair plants', die garantiert sozial- und ökologisch fair produzierte Blumen und Pflanzen auszeichnet. Weiter geht es mit einem blumigen Geburtstagsgruß: 'Happy Birthday Fleurop!'. Zu guter Letzt gibt es die floristischen Klassiker schlechthin: Einen gebundenen Strauß sowie einen floralen Tischschmuck für ein perfektes Dinner for two."
"Nur der Beste hat die Chance auf den Titel."
"Organisiert und durchgeführt wird das Branchenhighlight 'Goldene Rose' alle zwei Jahre in einer anderen Stadt. Anlässlich des einhundertjährigen Geburtstags der Fleurop in Berlin macht der Fachverband Deutscher Floristen e.V.-Bundesverband- nach dreißig Jahren jetzt die Hauptstadt wieder zum Austragungsort. 1978 fand schon einmal eine Goldene Rose an der Spree statt. Der nationale Floristenwettstreit bildet den blumigen Rahmen für die große Fleurop-Jubiläumsgala, deren Höhepunkt die Siegerehrung des neuen Bundesmeisters der Deutschen Floristen ist. Zuvor treten in den bekannten Potsdamer Platz Arkaden die Finalisten gegeneinander an und tauchen das exklusive Shopping-Center im Zentrum Berlins in ein Blumenmeer. Vor den Augen des nationalen und internationalen Fachpublikums ebenso wie vor Besuchern aus aller Welt wird die gesamte Bandbreite moderner deutscher Spitzenfloristik gezeigt."
Und der Gewinner der Goldenen Rose 2008 ist der Berliner Floristikmeister Nicolaus Peters.
Bei der Goldenen Rose treten die Gewinner der Landesmeisterschaften um die Silberne Rose gegeneinander an. An der Silbernen Rose 2007 Berlin-Brandenburg hatte ich auch teilgenommen. Mit der Blumenwiese. Damals sagte der Präsident des Fachverbandes Deutscher Floristen, Landesverband Berlin/Brandenburg e.V. zu mir: "Ich hab mir das mal angeguckt, wie Sie Dynamik reingebracht haben, in die Blumen, und die Farben zusammengeführt haben. Das haben Sie sehr schön gemacht." Und dann sagte er noch: "Ich bin ja ganz froh, dass Sie nicht mehr von Ihren Blumen verkaufen."

21. August 2008

Was macht eigentlich das Buch?

Ding und Werk



Manchmal, wenn mir ganz langweilig ist, gehe ich los und besuche mein Buch in den Buchläden. Um mal zu schauen, ob es noch da ist, und ob es ihm gut geht. Die grundlegende Schwierigkeit dabei ist das besitzanzeigende Fürwort. Und die Frage von Menge und Vereinzelung. Es ist mein Buch irgendwie; und dann kauft es jemand und dann ist es sein Buch plötzlich? Und ist es dann nicht mehr mein Buch? Und was ist mit Frau Wulffen? Es ist doch auch das Buch von Frau Wulffen. Und gleichzeitig mein Buch? Also ist es unser Buch? Unser aller Buch? Wofür zahlt der Käufer denn dann Geld? Für sein Buch? Für unser Buch? Ich finde das gar nicht einfach.
Nehmen wir an, Herr A kauft jetzt Begegnungen im Blumenladen. Er kauft es im Buchladen. Und dann kommt Herr B und verbrennt das Buch. Hat denn Herr B dann das Buch von Herrn A oder von Herrn Klein verbrannt? Oder von Frau Wulffen? Das war schon immer schwierig bei Bücherverbrennungen.
Schon vor einiger Zeit wurde ich auf das Thema aufmerksam. Damals stand es in der Zeitung. Ein anderer, ein großer, Vertreter meines Namens hatte ein Buch geschrieben über sein Leben. Ein großes Buch. Und kurz nachdem das Buch in einem großen Verlag erschienen war, ist der Autor an einem Freitag kurz vor Feierabend in einen großen Buchladen in Berlin gerannt. Es war der Laden, der von dem Mann betrieben wird, der mit Fensterputzen zu sehr viel Geld gekommen war und der dann dachte: "Wenn man mit Fensterputzen so viel Geld verdienen kann, warum dann nicht einfach mal ein Kulturkaufhaus in Berlin-Mitte aufmachen?"
Dort stand der Autor im weitläufigen Foyer und brüllte: "Wo ist mein Buch?" Der Autor ist da natürlich klar im Vorteil, er ist so berühmt, dass immer jemand kommt und ihm behilflich ist. Angeblich steht er auch schon mal zu Hause in seiner Villa und brüllt: "Ich muss pissen. Wo ist das Klo?" Und dann kommt jemand und führt ihn zum Klo. Wahrscheinlich pisst er sonst einfach auf's Sofa. Aber das weiß ich nicht genau. In dem Buchladen brauchte er jedenfalls sein Buch weil er abends eingeladen war und sein Buch verschenken wollte. Und weil er vom Verlag noch keine eigenen Exemplare von seinem Buch bekommen hatte.
Ob er sein Buch dann an der Kasse des Buchladens bezahlen musste, weiß ich nicht. Tags darauf hatte jedenfalls ein Schreiber in der Zeitung darüber geschrieben und die Frage nach dem besitzanzeigenden Fürwort und den Eigentumsverhältnissen aufgeworfen.
Ginge ich in den Buchladen und brüllte: "Wo ist mein Buch?", würde man mich wohl fragen: "Wer sind Sie denn?" und den Sicherheitsdienst rufen. Und was passierte, wenn ich auf deren Sofa pinkelte, möchte ich mir gar nicht erst ausmalen.
In einem Buchladen in Kreuzberg habe ich heute mein Buch nach längerem Suchen gefunden. Es steckte zwischen großen Bildbänden auf dem Tisch für Kunst. Gleich zweimal. Das ist das andere Problem. Wie kann mein Buch eins und gleichzeitig ganz viele sein?

18. August 2008

Leben




Seit ein paar Tagen sitze ich auf einem Stuhl an einem Tisch in einem Zimmer und schaue aus dem Fenster. Und ich denke: "Morgen geht mein Leben richtig los."
Aus den Tagen sind Wochen geworden, aus den Wochen Monate. Und aus den Monaten Jahre.

17. August 2008

Sonntag



(...)
wie es Konfuzius befiehlt
der alte Chinese

Die Eckenschale sagt er
muss
Ecken haben
sagt er
Oder der Staat geht zugrunde

Nichts weiter sagt er
ist vonnöten
Nennt
das Runde rund
und das Eckige eckig

(Hilde Domin / Ich will dich / Ausschnitt)